
02. Dezember 2025
Auch in diesem Jahr habe ich vier Gäste um Buchtipps gebeten. Heute ist es die Kölnerin Wibke Ladwig, die als @sinnundverstand gerne Bücher bespricht, nebenbei die #Heimbürokantine betreibt und uns in ihren #bad.kleingarten mitnimmt. Und das sind nur ein paar ihrer Aktivitäten…
Nora Gomringer, Am Meerschweinchen übt das Kind den Tod (Verlag Voland & Quist)
Ja, vielleicht kann ich “Am Meerschwein übt das Kind den Tod” am ehesten als Essay bezeichnen. Eine Abhandlung. Ein “Nachrough” der toten Mutter hinterher, von der Tochter, Nora Gomringer, die sie schmerzlich vermisst und die uns Nortrud Gomringer herbeischreibt. Stets präsent: Eugen Gomringer, Miterfinder der konkreten Poesie. Komplexe Persönlichkeiten und dazwischen, hinterdrein und manchmal vorneweg die Tochter. Die stets zu viel und oft zu wenig zu sein scheint. Zwischen starrer Trauer, heißer Wut und mitunter bizarrem Witz, bitterem Schmerz und inniger Liebe ist Nora Gomringer ein außergewöhnliches Buch über eine nicht minder außergewöhnliche Frau gelungen. Das oft auch vergnüglich ist. Manche humorvolle Passage klingt nach Notwehr, aber im Zweifel hilft schlicht ein Lachen.
Der erste Satz setzt den Ton: “Ein paar Jahre lang schlief ich mit einer ausrangierten Fahrradpumpe im Bett, weil ich fand, dass sie einem Seepferdchen ähnelte.”
Zugleich ist das Buch ein manchmal irritierend naher Einblick in die Literaturgeschichte, in der Günter Grass einer kleinen Nora zum Trost Schokolade kauft oder das Ehepaar Jandl zur Tür hereinspaziert. Und erst gerade eben komme ich darauf, woran mich das Buch erinnert: “zeige deine wunde” von Joseph Beuys. Verwundbarkeit, Endlichkeit, die eigentümliche Dualität von Leben und Sterben – innerlich stelle ich das Buch neben diese Installation.
Nora Gomringer. Ich kenne sie als Dichterin, als Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2015 , als grandiose Performerin ihrer Lyrik, als vielgestaltige und eigenwillige Frau, deren Vergnügen an Mode #whatthepoetwore mich zuverlässig mitreißt. Sie ist seit 2010 Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg.
Ich wünsche dem Buch viele Leserinnen und Leser und sei es schon allein wegen der fabelhaften Sprache. In einer Zeit, in der so viele grauenvolle KI-generierte Textchimären kursieren, ist es eine Freude, so gut, wahr und schön Geschriebenes zu lesen. Und das titelgebende Merrschwein? Es gab ihrer zwei: totgebissen vom Hund das eine, gestorben durch einen Fehler bei der Fütterung zwei andere. Die ersten Toten im Leben der Nora Gomringer. Sie teilt regelmäßig in ihren Instagram-Storys Meerschweinchen-Videos, vielleicht die flauschigen Wiedergänger der früh Verblichenen.
Danke, liebe Wibke für diesen besonderen Tipp. Ich werde mir das Buch zu Weihnachten wünschen!
#marensadventskalender2025



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